Aktuelle Forschungsprojekte

Reinhart Koselleck-Projekt: Schwarze Schwäne in der Verwaltung

Schwerwiegende Fälle von Verwaltungsversagen, die Todesfälle nach sich ziehen, sind selten, aber in ihren Folgen dramatisch. Beispiele sind zusammenstürzende Bauwerke oder Großbrände aufgrund unzureichender Bauaufsicht oder mangelnder Durchsetzung von Feuerschutzbestimmungen, Kindesmisshandlung mit Todesfolge durch Fehlleistungen der Jugendbehörden oder das Versagen der Sicherheitsbehörden bei den NSU-Ermittlungen. „Seltenheit bedeutet nicht notwendigerweise Unwichtigkeit. Angesichts der drastischen Auswirkungen können diese Vorkommnisse nicht wie eine vernachlässigbare statistische Größe behandelt werden“, spricht Prof. Dr. Wolfgang Seibel, Professor für Innenpolitik und Öffentliche Verwaltung an der Universität Konstanz. Für die Erforschung von schwerwiegendem Verwaltungsversagen wurde dem Konstanzer Politik- und Verwaltungswissenschaftler aktuell ein Reinhart Koselleck-Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zugesprochen – ein renommiertes Förderprogramm „für besonders innovative und im positiven Sinne risikobehaftete Forschung“. Das fünfjährige Forschungsprojekt „Schwarze Schwäne in der Verwaltung: Seltenes Organisationsversagen mit schwerwiegenden Folgen“ wird mit insgesamt 610.000 Euro gefördert.

Dass Gefährdungen physischer Sicherheit durch Verwaltungsversagen selten sind, bedeutet nicht, dass die ihnen zugrundeliegenden Mechanismen es ebenfalls sind. Obwohl die öffentliche Verwaltung in ihren Leitlinien eine „Null-Toleranz-Praxis“ gegenüber physischen Gefährdungen praktiziert, also das Wohl des Bürgers als unantastbares Gut behandelt und Gefährdungen nicht zulässt, kommt es dennoch zu riskanten Fehlentscheidungen und Organisationsmängeln. In dem Projekt sollen die institutionellen Mechanismen und Verantwortungsstrukturen, die hinter solchen Gefährdungen stehen, analysiert werden.
Untersuchungsfelder sind die öffentliche Infrastruktur und Baumaßnahmen, die jugendamtliche Fürsorge, Terrorismus- und Verbrechensbekämpfung, Katastrophenschutz sowie die Planung und Organisation von Massenveranstaltungen.

Die DFG vergibt Reinhart Koselleck-Projekte ausschließlich für Pionierarbeit in der Forschung, die „in positivem Sinne risikobehaftet“ ist. Dies trifft auch auf die Erforschung von schwerwiegendem Verwaltungsversagen zu, die auf verwaltungsinterne Auskunftsquellen und Insiderwissen aus gravierenden Vorfällen angewiesen ist. Die Forschenden müssen damit rechnen, auf Widerstände, Vertuschungen und verzerrende Darstellungen zu stoßen.

Der Titel „Schwarze Schwäne in der Verwaltung“ bezieht sich auf die Metapher des Philosophen Karl Popper vom schwarzen Schwan. Die Aussage, alle Schwäne seien weiß, wird durch die Existenz eines einzigen schwarzen Schwans widerlegt. Gerade die extreme Seltenheit eines schwarzen Schwans ist Anlass, seiner besonderen Genetik auf den Grund zu gehen. Das Gleiche gilt für schwerwiegendes Verwaltungsversagen mit Verletzungen der physischen Integrität von Menschen. Es sind extrem seltene Abweichungen vom Normalverhalten der Verwaltung, aber sie können schon aus ethischen Gründen und angesichts der unerlässlichen Prävention nicht wie vernachlässigbare statistische ‚Ausreißer‘ behandelt werden. Auch hier muss sich die Forschung auf die „Genetik“, auf verallgemeinerbare kausale Mechanismen konzentrieren.

Faktenübersicht:

  • Reinhart Koselleck-Projekt für Prof. Dr. Wolfgang Seibel, Professor für Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz: „Schwarze Schwäne in der Verwaltung: Seltenes Organisationsversagen mit schwerwiegenden Folgen“
  • Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
  • Förderhöhe: 500.000 Euro zuzüglich DFG-Programmpauschale in Höhe von 110.000 Euro
  • Förderzeitraum: fünf Jahre

Entstehung und gesellschaftliche Wirkung hybrider Organisationen im lokalen Krisenmanagement (HybOrg)

Verbundprojekt der Universität Konstanz (Wolfgang Seibel und Lorenz Neuberger), LMU München (Steffen Eckhard und Matthias Fatke) und ETH Zürich (Florian Roth); gefördert durch das BMBF (2018-2021)

Ziel des Verbundprojektes ist es, am Beispiel der Verwaltung des Asylwesens seit 2014 zu untersuchen, wie deutsche Verwaltungsinstitutionen auf und unterhalb der Landkreisebene "Krisenmanagement" betreiben und wie sie dabei zum Aufbau von brückenbildendem Sozialkapital beitragen können. Dieses wird als eine Kernvoraussetzung gesellschaftlicher Resilienz angesehen. Das Projekt möchte Verwaltungshandeln im Ausnahmezustand erfassen, seine Auswirkungen auf gesellschaftlichen Zusammenhalt analysieren und konkrete Handlungsempfehlungen formulieren. Dabei wird das Augenmerk auf hybride Organisationsstrukturen gelegt, die gesellschaftliche Partizipation ermöglichen, und untersucht, welche Auswirkungen die öffentliche Wahrnehmung der lokalen Bewältigung von "Krisen" auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat.


 Fördersumme: 634.339 Euro