Interkulturelle Friktionen am Rande Europas
Der Massenmord an den Armeniern von 1915 und seine diskursive Bewältigung in der Türkei
Mitarbeiter: Seyhan Bayraktar, M.A.
Gefördert durch: Universität Konstanz
Laufzeit: -
Zusammenfassung:
Im Mittelpunkt der Untersuchung „Interkulturelle Friktionen am Rande Europas – Der Massenmord an den Armeniern von 1915 und seine diskursive Bewältigung in der Türkei“ steht die problematische Beziehung der Türkei zu ihrer Geschichte der Jahre 1915/16. In diesen Jahren kamen in Folge der in der Türkei noch heute so genannten ‚kriegsnotwendigen Umsiedelungspolitik’ des jungtürkischen Regimes hundert Tausende – die Schätzungen bewegen sich zwischen 300 Tausend und 1,5 Millionen – Armenier ums Leben. Die Türkei verweigert als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches jegliche Verantwortung für diesen Massenmord, geschweige denn ihn als Völkermord anzuerkennen.
In dem Projekt wird untersucht, wie sich die diskursiven Bewältigungsmuster in Bezug auf die ‚Armenierfrage’ von 1915/16 seit den 1970er Jahren bis heute in der öffentlich-politischen Meinung der Türkei entwickelt haben und welche Rolle dabei solche Faktoren wie nationale Identität und außenpolitischer Druck spielen. Methodisch erfolgt die Untersuchung der dominanten türkischen Interpretations- und Darstellungmuster der ‚Armenierfrage’ auf der Grundlage einer inhaltsanalytischen Auswertung von Pressetexten türkischer Tageszeitungen (Hürriyet, Cumhuriyet, Milli Gazete/Zaman, Milliyet).
Die Aufarbeitung der „Armenierfrage“ ist im Rahmen des jahrzehntelangen Zieles der Türkei, Mitglied der Europäischen Union zu werden von besonderer aktueller Bedeutung. Die Resolution des Europäischen Parlaments vom Juni 1987, die einen möglichen Beitritt der Türkei in die EG/EU von der „Lösung der Armenischen Frage“, d.h. der Anerkennung des Genozidcharakters der Ereignisse von 1915/16, abhängig machte, wurde in der jüngsten Debatte in Zusammenhang mit der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei Ende September 2005 bekräftigt. Vor dem Hintergrund dieser aktuellen Entwicklungen möchte die Untersuchung einen Beitrag zu der Frage leisten, inwieweit sich an dem Fallbeispiel des türkischen Umgangs mit den Schattenseiten der nationalen Geschichte kulturelle Friktionen ausmachen lassen, die eine Annäherung zwischen der EU und der Türkei behindern.
Veröffentlichungen:
- Seyhan Bayraktar (2004): „Der Massenmord an den Armeniern 1915/16 im Spiegel der türkischen Presse.“ In: Ideologien zwischen Lüge und Wahrheitsanspruch. edited by Steffen Greschonig/Christine S. Sing. Deutscher Universitätsverlag: Wiesbaden. 111-133.
- Seyhan Bayraktar, Wolfgang Seibel (2004): “Das türkische Tätertrauma. Der Massenmord an den Armeniern von 1915 bis 1917 und seine Leugnung.” In: Tätertrauma. edited by Bernhard Giesen/Christoph Schneider. UVK. 381-398.


